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Ratgeber · Recruiting-Tipps · Accounting & Rechnungswesen

Fachliche Eignung prüfen, ohne ein Examen abzuhalten

Wie Sie in zwanzig Minuten erkennen, ob jemand Abschlüsse wirklich beherrscht – ohne Prüfungsatmosphäre.

Veröffentlicht am 13.01.2026 · 4 Min. Lesezeit

Fallbezogen statt abstrakt fragen

Definitionen prüfen Wissen, Fälle prüfen Können. Wer fragt „Was ist eine Rückstellung?“, bekommt die Antwort, die in jedem Lehrbuch steht. Wer fragt „Ein Kunde hat einen Rechtsstreit angekündigt, noch nicht eingereicht – was machen Sie im Abschluss?“, bekommt eine Arbeitsprobe in Echtzeit.

Nehmen Sie Ihre Fälle aus dem eigenen Alltag: die Themen, an denen Ihre Abteilung tatsächlich arbeitet. Das hat drei Vorteile – der Fall ist realistisch, Sie können die Antwort selbst beurteilen, und der Kandidat lernt nebenbei, was ihn erwartet. Das Gespräch wird dadurch für beide Seiten besser.

Halten Sie die Atmosphäre dabei kollegial: Sie wollen beobachten, wie jemand denkt, nicht, wie er unter Druck besteht. Die besten Antworten kommen von Kandidaten, die Fragen zurückstellen dürfen – Rückfragen sind Teil der fachlichen Qualität, keine Schwäche.

Rückstellungen, Abgrenzungen, Bewertung

Wenn Sie die Abschlusstiefe eines Kandidaten prüfen wollen, brauchen Sie keine zwanzig Fragen – Sie brauchen drei bis vier Felder, an denen sich Routine von Verständnis trennt. Bewährt haben sich Rückstellungen, Abgrenzungen und Bewertungsfragen, weil sie genau diesen Unterschied sichtbar machen.

Bei Rückstellungen zeigt sich, ob jemand den Zweck versteht oder nur den Buchungssatz: Wann wird gebildet, in welcher Höhe, mit welcher Begründung? Bei Abgrenzungen, ob jemand in Perioden denkt. Bei Bewertungsfragen – Vorräte, Forderungen, Anlagevermögen –, ob jemand die Vorsichts- und Stichtagsprinzipien anwenden kann, nicht nur nennen.

Wer IFRS verlangt, sollte auch IFRS prüfen – und zwar an denselben Feldern: Der Unterschied in der Bilanzierungslogik ist genau der Punkt, an dem Kandidaten mit echter IFRS-Praxis von solchen mit Lebenslauf-IFRS zu unterscheiden sind.

Systemerfahrung konkret prüfen

Systemkenntnisse sind die am leichtesten behauptete Qualifikation im Finance-Lebenslauf – und die am leichtesten prüfbare. Fragen Sie nicht „Kennen Sie SAP FI?“, sondern „Wie sieht Ihr Periodenabschluss im System aus – welche Schritte, welche Reihenfolge, wo hakt es typischerweise?

Wer im System gearbeitet hat, antwortet in Abläufen: Transaktionen, Reports, die typischen Fehlerquellen, die eigene Prüfroutine. Wer es nur kennt, antwortet in Begriffen. Der Unterschied ist nach zwei Nachfragen unüberhörbar.

Prüfen Sie dabei nicht auf das exakte System, sondern auf Systemverständnis: Wer einen Abschluss in einem ERP sicher beherrscht, lernt das andere. Was Sie ausschließen wollen, ist nicht das falsche System, sondern die behauptete Erfahrung.

Wann eine Arbeitsprobe sinnvoll ist

Für Positionen mit echter Abschlussverantwortung kann eine Arbeitsprobe sinnvoll sein: ein überschaubarer Fall, den der Kandidat zu Hause oder vor Ort bearbeitet – etwa ein Abschluss mit einigen Vorbereitungsbuchungen oder ein Reporting, das erklärt werden soll.

Halten Sie den Umfang fair: eine bis zwei Stunden, nicht mehr. Eine Arbeitsprobe, die einen Arbeitstag bindet, ist keine Prüfung, sondern unbezahlte Arbeit – und gute Kandidaten werden genau das so lesen.

Werten Sie die Probe im Gespräch aus, nicht allein schriftlich: Lassen Sie den Kandidaten seine Lösung erklären. Der Weg zur Lösung – welche Annahmen, welche Prüfschritte, welche Unsicherheiten benannt wurden – sagt mehr aus als das Ergebnis.

Was Zeugnisse aussagen und was nicht

Arbeitszeugnisse im Finanzbereich sind ein Werkzeug mit bekannten Grenzen. Sie sind wohlwollend formuliert, kodifiziert und sagen im Zweifel mehr über die Beziehung beim Ausscheiden als über die Leistung davor. Wer Zeugnisse liest, liest zwischen den Zeilen – und rät dabei oft.

Brauchbar sind Zeugnisse für Fakten: die tatsächliche Aufgabe, der Verantwortungsumfang, die Dauer. Prüfen Sie, ob das, was im Zeugnis steht, zu dem passt, was im Gespräch erzählt wurde. Diskrepanzen sind ein Gesprächsthema, kein Ausschlusskriterium – aber sie sollten geklärt werden.

Belastbarer als das Zeugnis ist das Referenzgespräch – mit Zustimmung des Kandidaten und am Ende des Prozesses. Ein strukturiertes Telefonat mit einem früheren Vorgesetzten, das konkrete Fragen zur Zusammenarbeit stellt, liefert mehr als jede Formel im Zeugnis.

Matching Finance – Personalberatung für das Finanzwesen

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