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Fachbeitrag · Fachwissen & Markt · Treasury & Cash Management

Working Capital: Der stille Hebel in der Bilanz

Kapital, das im Umlaufvermögen gebunden ist, kostet mehr als viele Unternehmen einkalkulieren.

Veröffentlicht am 20.01.2026 · 6 Min. Lesezeit

Forderungen, Bestände, Verbindlichkeiten

Working Capital ist das im laufenden Geschäft gebundene Kapital – im Kern Forderungen aus Lieferungen und Leistungen plus Vorräte minus Verbindlichkeiten aus Lieferungen und Leistungen. Jeder dieser drei Blöcke ist eine potenzielle Liquiditätsquelle, die kein Kreditgespräch erfordert.

Forderungen binden Kapital zwischen Leistung und Zahlungseingang. Der Hebel liegt in Rechnungsstellung, Zahlungszielen und Mahnwesen – oft weniger in der Höhe der Ziele als in der Verzögerung bis zur Rechnung.

Vorräte binden Kapital zwischen Beschaffung und Verkauf. Sie sind zugleich Lieferfähigkeit, weshalb Bestandsabbau nie isoliert betrachtet werden darf. Verbindlichkeiten wirken umgekehrt: Längere Zahlungsziele finanzieren das Geschäft – solange die Lieferantenbeziehung das trägt.

Warum Kennzahlen allein nichts bewirken

Die üblichen Kennzahlen zur Umschlagsdauer zeigen einen Zustand, aber keine Ursache. Eine verlängerte Forderungslaufzeit kann an säumigen Kunden liegen, an fehlerhaften Rechnungen, an Streitfällen im Projekt oder schlicht daran, dass zu spät fakturiert wird – vier völlig verschiedene Maßnahmen.

Deshalb ist die Aufschlüsselung wichtiger als der Durchschnitt. Erst die Aufgliederung nach Kunden, Altersstruktur und Streitgrund macht sichtbar, wo tatsächlich Kapital hängt und ob es sich um ein Prozess- oder ein Bonitätsproblem handelt.

Der zweite Grund, warum Kennzahlen allein nichts bewegen: Sie liegen im Finanzbereich, während die Ursachen im Vertrieb, im Einkauf, in der Produktion und in der Projektabwicklung entstehen. Ein Bericht ohne Adressat verändert kein Verhalten.

Wer im Unternehmen mitziehen muss

Der Vertrieb entscheidet über Zahlungsziele und darüber, wie konsequent bei Verzug nachgehalten wird. Solange Vertriebsziele ausschließlich am Umsatz hängen, wird das Zahlungsziel zum stillen Rabatt.

Der Einkauf verhandelt Zahlungsbedingungen und Losgrößen. Beides wirkt direkt auf Bestände und Verbindlichkeiten – und beides wird oft allein nach Einstandspreis optimiert, ohne die Kapitalbindung gegenzurechnen.

Produktion und Disposition bestimmen die Bestandsreichweite, die Projektleitung die Fortschrittsfakturierung. Working Capital ist deshalb kein Finanzprojekt mit Beteiligung der Bereiche, sondern ein Bereichsprojekt mit Steuerung aus dem Finanzbereich.

Typische Maßnahmen

Auf der Forderungsseite wirken vor allem die einfachen Dinge: sofortige Rechnungsstellung nach Leistung, korrekte Rechnungsdaten, ein automatisiertes und tatsächlich durchgezogenes Mahnwesen, klare Eskalation bei Streitfällen sowie Anzahlungen und Abschlagszahlungen bei längeren Projekten.

Bei Beständen helfen eine differenzierte Betrachtung nach Umschlagshäufigkeit, das konsequente Bereinigen von Langsamdrehern und die Abstimmung von Beschaffungsmengen mit realistischen Absatzverläufen statt mit historischen Sicherheitsaufschlägen.

Auf der Lieferantenseite geht es um verhandelte, nicht um einseitig verlängerte Ziele. Einseitig gestrecktes Zahlen verlagert das Problem nur und wird spätestens beim nächsten Engpass in der Lieferkette zurückgespielt.

Welche Rolle das steuert

In größeren Unternehmen gibt es dafür eigene Rollen im Treasury oder im Controlling, oft mit dem Zuschnitt Cash- und Working-Capital-Management. Im Mittelstand liegt die Aufgabe meist beim kaufmännischen Leiter oder einem Senior Controller.

Das entscheidende Merkmal des Profils ist nicht die Kennzahlenkompetenz, sondern die Fähigkeit, bereichsübergreifend Verhalten zu verändern. Gesucht werden Menschen, die im Vertriebsmeeting bestehen und im Lager verstehen, worüber gesprochen wird.

Wo diese Rolle fehlt, bleibt Working Capital eine Position im Monatsbericht. Wo sie besetzt ist, wird daraus die Finanzierungsquelle, die weder Zinsen kostet noch Sicherheiten bindet.

Matching Finance – Personalberatung für das Finanzwesen

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